Von kleinen Rückschritten – Poesie der Verletzlichkeit

Im Leben eines jeden Menschen tun sich täglich Irrungen und Wirrungen, Absurditäten, Kuriositäten sowie auch ganz gewöhnliche Dinge. Manchmal ereignen sich es persönliche Highlights. Jeder Mensch schreibt auf seine eigene Weise Geschichte.

Heute ist für mich nicht einer solcher Tage. Ich sitze einfach nur vor dem PC, fühle mich innerlich extrem aufgewühlt. Unzufrieden mit mir selbst und meiner Situation. „Selbstmitleid!“, höre ich eine Stimme aus dem Off zu mir sprechen. Mir geht es nicht um Selbstmitleid, wirklich nicht. Ich habe heute – gerade – einen Tag des mentalen Rückfalls. Es ist kein gewöhnlicher Tag mit gewöhnlichen Dingen. Das wäre gut. Nicht einmal Absurditäten und Kuriositäten taten sich bislang auf. Es ist ein fader, bisweilen langweiliger und allen voran ein gefühlt sehr einsamer Tag. Obwohl ich im Büro sitze und genügend Kollegen da sind. Es fehlt eine Connection. Kein Verstehen und verstanden werden. Es sind eben nur Kollegen, keine Freunde. Meine Lebensgeschichte ist nicht ihre. Soll es auch nicht werden. Ich erzähle ihnen die Tage manchmal weiterhin von der Fahrt nach Hause zu den Kindern. Obwohl ich dieses Zuhause nicht mehr habe, die Kinder auch nicht.

Ich habe genau genommen in diesem Moment nicht einmal irgend etwas zu erzählen. Nicht einmal meinem Blog. Stattdessen schreibe ich gerade einfach, weil es mir hilft. Plötzlich aufkommende Gedanken zu Papier zu bringen, beruhigt. Das tat ich damals und fühlte dabei, dass ich Emotionen ablassen konnte. Keine überschwänglichen, sondern ganz normale kleine Emotionen. Die, die zerbrechliche oder gebrochene Menschen genauso in sich tragen, wie glückliche und starke.

Was ich gerade tippe, entstammt dem Jetzt. Ich versuche zu fühlen und schreibe nieder, was mir in den Sinn kommt. Es ist ein Gespräch meines Verstandes mit meinem Herzen. Keine Diskussion. Es ist ein Gespräch. Fast ein Monolog. Der Verstand schaltet sich ein und meldet sich zu Wort, will raus, will sich äußern. Will sich wichtig machen. Viel wichtiger als er ist. Gemeint ist das alt bekannte Ego. Es ist angeknackst, um nicht zu sagen richtig derbe angeschossen. Taumelnd wie ein abgehalfterter Revolverheld nach einem Herztreffer im letzten Duell mit seinem Gegenüber.

Auf der anderen Seite ist das Herz

Das sich versucht zu wehren. Es übernimmt alleine durch seine Grundveranlagung die passive Rolle. Steckt viel ein, hält aus und hält aus. Es ist das Taschentuch des Verstandes. Es fühlt und spürt und versucht gleichzeitig dem Verstand die Energie zu entziehen. Es tut weh. Zuerst wird ein Mensch im Verstande getroffen, es ist sozusagen die erste Bastion, der erste Schutzwall im Leben. Die alltäglichen kleinen Herausforderungen und Wehwehchen prallen an diesem Mauerwerk ab. Dazu ist es da, dafür ist es gut.

Doch manchmal – selten – erzielt das Leben Wirkungstreffer. Die Bastion hält nicht. Sie wird durchbrochen und durchbohrt und beginnt zu bröckeln. Plötzlich schlagen die Treffer zunehmend schutzlos ein. Einer, zwei, drei. Immer weiter. Ein ganzes (Un)Naturschauspiel, eine Welle zerstörerischer Gewalt. Stalinorgel. Jeder Treffer erzielt seine ganz besondere eigene Wirkung. Der erste kommt plötzlich und unerwartet. Trifft hart, bleibt zunächst fast unentdeckt. Die Wirkung tritt nur mit zeitlicher Verzögerung ein, ein fieser Schlag mit Langzeitwirkung. Kurzfristig nicht realisierbar. Brennt dafür umso länger wie Napalm. Qualm macht sich breit, es entsteht nur verzögert ein Schwelbrand. Das dicke Ende kommt erst noch.

Denn hinter der Bastion liegt das Herz. Ist dieser Schutzwall erst überwunden, schlagen die Geschosse auf dieses, als gäbe es keinen Morgen. Das Herz wehrt sich nicht. Es steckt nur ein, es fühlt, aber versteht nicht. Es ist den Treffern ausgeliefert, wie ein Neugeborenes seiner Umwelt. Jede noch so starke Schutzmauer wird früher oder später im Leben eingerissen werden. Je niedriger die Mauer steht, desto leichter wird sie zerstört werden können. Leider stören Menschen Mauern. Unnötig. Vertrauen ist die Quelle der Verletzlichkeit. Vertrauen wir, sind wir umso leichter verletzlich. Nur durch Vertrauen können wir aber intensiver lieben. Gefühle in der Tiefe überhaupt erst zulassen. Es ist ein Licht- und Schattenspiel zugleich. Die Liebe von gestern ist die Quelle des Vollstreckungstreffers von heute.

2019-04-02

Sogleich war es einmal umgekehrt, der Lebenstreffer von früher war die Quelle der tiefen Liebe von gestern. Als der Qualm sich etwas legt… „Licht und Schatten wechseln sich. Eines Tages wieder.“, spricht das Herz.

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