Völlig andere Methoden (Teil 2 von 2)

Führen wir also Teil 1 fort (Völlig andere Methoden (Teil 1 von 2)) und kommen wir zu einem Beispiel aus meiner Erfahrung als Trainer vollpubertierender Halbstarker. Gerade das Alter um 15 bis 17 stellt völlig unabhängig der sportlichen Anforderungen eine besondere Herausforderung dar. Eine, die ich stets mit großem Vergnügen annehme. Denn das ist das echte Leben. So wie es einfach ist. Es mag hart sein, sich durchsetzen zu müssen. Es mag unangenehm sein. Wie auch immer. Aber das ist das echte Leben. Und es ist eine Aufgabe. Eine, die ich nicht annehmen muss, aber kann. Und ich nehme solche Herausforderungen gerne an, weil ich anderen (jungen) Menschen damit etwas für ihr Leben mit auf den Weg gebe und mich selbst dabei weiterentwickle.
Und zwar nicht nach Lehrplan, sondern aus dem Leben für das Leben. Und dafür sind wir hier. Nicht um Lehrpläne durchzuarbeiten, sondern um Erfahrungen zu machen, zu wachsen und Spaß zu haben.

Die Spieler sind für mich zu Saisonbeginn alle neu. Als Trainer bin ich für die Spieler neu. Keiner weiß worauf er sich einlässt. Halt doch, stimmt nicht. Ich weiß worauf ich mich einlasse. Ich kenne meine Methoden ja. Und ich weiß, dass sie funktionieren. Weil sie so herrlich einfach sind. Wenig Gelaber. Hohe Zielfokussierung. 🙂

Natürlich ist ein freiwilliger (!) Vereinssport nicht mit einer Schulsituation zu vergleichen. Nicht restlos, aber in großen Stücken schon. Bei mir kommen die Kinder nur, wenn es ihnen auch Spaß macht. Ich behaupte, dass es eine nicht minder große Herausforderung für den Erzieher (in dem Fall an den Trainer) darstellt, als das bei einem Zwangssystem wie der Schule vergleichsweise für den Erzieher (in dem Fall für den Lehrer) der Fall ist. Aber die Diskussion will ich gar nicht vom Zaun brechen.
Eine meiner ersten Trainingseinheiten, alle beschnuppern sich noch gegenseitig. Und ich komme mit einem ganz simplen Spiel um die Ecke. Zwei Tore. Ein Ball. Zwei Mannschaften. Kein Aus. Kein Schnick-Schnack. Keine hätte, kein wenn, kein aber.

Und ich sage nur: „Wir spielen heute Fußball. Aber mit der Hand. Fuß ist tabu. Das Runde muss da in das Tor. Eine Mannschaft hier hin. Eine da hin. Es gibt sonst nur eine Regel: Keine Regel! Los gehts.“

Und alle gucken komisch. Klar. Warum auch nicht. Alles ist anders als sonst. Wenig bla bla. Wenige Regeln. Und sofort soll es los gehen?! Ja wie? Was genau eigentlich? Darf ich jetzt mit dem Ball 3 Schritte gehen oder gar nicht laufen?! Muss ich abspielen oder darf ich auch alleine ein Tor erzielen?! Fragen über Fragen, man sieht sie förmlich auf der Stirn der Spieler stehen.
Was passiert also? Nichts. Erstmal nichts. Schockstarre. Ratlosigkeit. Erst mal gucken alle dumm aus der Wäsche. Ungläubig, ob der merkwürdigen Ansage des Trainers. So kurz, so schnell, so wenig.

Genau das haben wir Menschen aber aberzogen oder abtrainiert bekommen, einfach zu sein. Wenig zu denken. Und stattdessen einfach auszuprobieren und zu schauen was heraus kommt. Erforschen. Jede Trainingseinheit ist für mich im Leben ein Experiment. Ich bin neugierig. Und zwar egal ob auf dem grünen Rasen oder sonstwo.

Die Spieler werfen sich den Ball zu. Und ein wenig schaut das dann so aus wie Basketball. Sorry, aber ich muss jetzt kurz über-ehrlich werden: Basketball finde ich ultra langweilig. Nie kommt eine Mannschaft an den Ball, jedenfalls gefühlt. Ein Team rennt fast immer bis zum gegnerischen Korb, kommt in aller Regel auch durch und dann ist nur noch die Frage, ob der Wurf rein geht. Bäh. Handball ist übrigens genauso. Fast jeder Angriff ist ein Tor. Bäh. 🙂

Gut, also jedenfalls sieht das dann aus wie beim Basketball. Einer hat den Ball, dann greift ein Gegner scheinbar (!) an, stellt sich vor ihn und versucht den Wurf zum Mitspieler des Ballführers zu verhindert. Und hampelt sich einen ab, als wären wir in der ersten Klasse in der Schule und machen den lustigen Hampelmann. Oder spielen Basketball. Urgs, der war fies. Ich weiß. Sorry liebe Basketballfreunde…

Ich unterbreche dann sofort und sage nochmal: „Jungs, die Regeln waren einfach. Das Runde muss in das Tor. Und es gibt sonst keine Regeln. Was ist daran so schwer zu verstehen?“

Wieder viele fragende Gesichter. Ist mir auch diesmal wieder klar, dass die Spieler noch immer nicht verstanden haben worauf ich hinaus will.
Also ziehe ich schnell ein Leibchen an, renne auf den Platz und spiele kurz mit. Und meine erste Aktion gilt dem Ballführer. Den reiße ich erstmal auf den Boden, checke ihn zur Seite (natürlich schmerzlos hart!), reiße ihm den Ball aus der Hand, halte ihn fest, stelle ihm ein Bein. Was auch immer nötig ist. Aber ich hole mir die Kugel. Und dann unterbreche ich wieder und sage: „So. Ganz einfach. Das Runde muss ins Eckige. Dazu brauchst Du erstmal die Kugel. Tretet Euch um, bespuckt Euch, reißt Euch die Leibchen oder T-Shirts vom Körper, mir egal. Ich will, dass der Ball ins Tor geht.“

Manche würden an der Stelle stattdessen wollen, dass ein Kind mit Buntstiften malen soll. Aber darum geht es mir ja jetzt gar nicht. 🙂

Und plötzlich gibt es viele grinsende Gesichter. Erstmal ratlose Spieler, aufgrund meines Verhaltens. Und plötzlich grinsende Gesichter. Was dann passiert ist klar, oder?
Nach Trainingsende haben wir meistens viele blaue Flecken, einige zerrissene T-Shirts und blutende Nasen.

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Echt?
Nee.

Die Realität sieht so aus:
3 Dinge geschehen:

  1. Das Spiel wird nur zu Anfang kurz (!) körperlich ruppig. Weil die ersten zwei oder drei Schlauberger sich denken: „Ach ja, mal sehen ob die mich auch umrennen und mir den Ball aus der Hand reißen!“
    Und ja, sie rennen ihn um. Dafür bürge ich! 😉
  2. Das Spiel wird mega schnell. Keiner will derjenige sein, der den Ball zu lange in der Hand hält. Denn sonst stürzen sich zwei oder drei Gegner auf ihn wie die Aasgeier. Der Ball wird also unglaublich schnell abgespielt. Zack zack zack und Tor.
  3. Und fortan wird das Spiel fast durchgehend völlig körperlos gespielt. Weil jeder weiß, worauf er sich einlässt. Denn: Es gibt einen klaren Handlungsrahmen. Ohne viele Worte. Keine 1000 Regeln. Nur eine: Keine!

Diese Spielform wird einfach nur mega lustig. Die Spieler können sich mal so richtig auspowern. Kaputt ist noch nie etwas gegangen und verletzt hat sich erst recht noch keiner. Wieso auch. Denn wenn ich den Ball zu lange halte, gibts auf die Mütze. Warum sollte ich freiwillig auf die Mütze wollen?! Dann wäre ich ja beim Boxen und nicht beim Fußball. Beim Fußball sind die Spieler, weil sie Tore schießen und Spaß haben wollen. Das muss ich verstanden haben als Trainer. Diese Möglichkeit muss ich ihnen einräumen und fördern.

Ich befasse mich also in einer Spielform nicht mit dem einzelnen Spieler. Was ich an Stelle dessen möchte ist klar: Schnellen und nur im Notfall (aber dann mit allem was zur Verfügung steht!) körperbetonten Hochgeschwindigkeitsfußball.
Das ist die Fokussierung. Spieler besser zu machen und Ergebnisse einzufahren. Vorzugsweise Siege.
Das gelingt mir regelmäßig.

In dem Beispiel mit dem Kind und den Buntstiften sehe ich das aus dem Blickwinkel der Lehrerin einfach völlig fehl-fokussiert. Sogar nicht-fokussiert. Man beschäftigt sich mit dem Kind und verstärkt die Gründe für sein Fehlverhalten. Anstatt es auf das Ziel zu lenken und das Kind dabei selbst Spaß entwickeln zu lassen. Es selbst entdecken und spüren zu lassen. Man redet und redet. Aber man handelt nicht. Man verstärkt ein Fehlverhalten durch zu viel Gerede. Meinetwegen auch zu viel individuelles Gerede. Mir ist es lieber, dass man zwischendurch Pausen einfügt. Lange Pausen. In denen die Kinder tun und lassen können was wie möchten. Sie sollen sich 10 Minuten im Klassenzimmer oder auf dem Pausenhof frei bewegen und spielen dürfen. Aber wenn malen auf dem Programm steht, dann ist auch malen. Jedenfalls bei mir wäre das so.

Es wäre müßig darüber zu sinnieren bei welcher Lehrmethode die hübscheren Bilder raus kommen. Das liegt immer im Auge des Betrachters. Aber eine Wette traue ich mich auszusprechen: Aufgrund der vielen Pausen, die ich mache, wären meine Malstunden zwar bedeutend kürzer, aber es würden mehr Bilder in meinem Unterricht heraus kommen. 😉

PS: Natürlich fragte ich die Frau auch, was sie denn glaube, warum das Kind nicht malen wollte. Und warum sie so lange Zeit für ein Kind benötige, um es zu schaffen es zu „überzeugen“. Sie erklärte mir, dass die Kinder besonderen förderungsbedarf hätten. Sie würden nicht sämtliche Anweisungen sofort geistig erfassen können bzw. hätten Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten. „Mangelnde Auffassungsgabe“, war dann auch so ein Stichwort.
Ich hab nur genickt und gefragt: „Und die Ei-Phones und die Androids in deren Hosentaschen. Was ist damit? Können sie die neuesten Apps selbstständig installieren? Den ganzen Tag irgendwelche Spiele hochkonzentriert zocken und surfen im Internet? Die neuesten Schockvideos und Porno runterladen und lustig lustig eins zwei drei austauschen? Können die das?“
Sie nickte nur und sagte: „Ja, das kriegen sie hin.“
Ich sagte daraufhin nur: „Und solange ein Kind all diese Dinge völlig selbstständig hinbekommt, gibt es aus meiner Sicht keinen individuellen Förderungsbedarf.“ Allgemeinen ja, aber individuellen…? Nein. Sicher nicht. Nur angepasste Lehrmethoden, auf die Bedürfnisse nicht komplett konformer Kinder ausgerichtet. Der Fehler liegt also viel weniger an den Kindern als viel mehr an uns. Als Gesellschaft. Als Erzieher. Auch als Trainer.