Völlig andere Methoden (Teil 1 von 2)

Am Wochenende unterhielt ich mich mit einer Frau über Erziehungsmethoden und unsere Art des Umgangs mit Kindern und Jugendlichen im Allgemeinen.

Sie ist Lehrerin und hat das „gelernt“. Beziehungsweise sogar studiert. Damit ist ihr die Fähigkeit zur Menschenführung per Dekret zugesprochen worden.
Ich hingegen bin nur ein einfacher Mensch, ohne Studium im Bereich Kinder- und Jugenderziehung bzw. -Bildung.

Sie erzählte mir davon, wie sie mit den Kindern in den ersten drei Schuljahren umgehe. Jedes Kind würde individuell betrachtet werden. Das sei bei ihr deshalb schon besonders notwendig, da sie an einer Förderschule unterrichte.
Klar fragte ich sie dann nach dem Erziehungs- bzw. Unterrichtsstil, wenn es mit einem Kind einmal nicht so recht wie gewollt klappen würde. Sie erklärte mir, dass im Falle einer Verfehlung das Kind im Einzelfall betrachtet und entsprechend dem Einzelfall auf das Kind eingegangen werden müsse. Zur Anwendung komme dabei stets das lerntheoretische Modell des Verstärkerprinzips.
Einfach gesagt: Gutes Verhalten wird belohnt, schlechtes Verhalten wird bestraft.

Das klingt an sich durchaus vernünftig und logisch nachvollziehbar, das würden sicher die meisten Eltern auch als gute Methode abnicken und behaupten es ihrerseits ebenfalls so anzuwenden. Meine Praxiserfahrung – auch (oder viel mehr gerade deswegen?!) ohne Studium in diesem Bereich – sagt mir jedoch etwas anderes. Ich stelle mich deshalb mit beiden Beinen fest auf den Boden und behaupte, dass das in der Realität den meisten Lehrenden (ob Lehrer oder Trainer oder sonstige Personen im Erziehungs- und Bildungswesen) nur selten wirklich gelingt. Das Verstärkerprinzip erstens überhaupt irgendwie wirklich zur Anwendung zu bringen und es zweitens überhaupt selbst in der Fülle und Anwendbarkeit verstanden zu haben.

Sie erzählte mir von einem Fall, in dem ein Kind in einer Malstunde aus Wut seine Stifte auf den Boden geworfen habe.
Wie reagiert man als Lehrer(in) nun? Wie reagiere ich als nicht-Lehrer nun? Klar kennen wir die Vor- und Nachgeschichte zu diesem Fall nicht. Aber darum soll es hier gar nicht gehen, wir sprechen ja von einem lerntheoretischen Modell. Also betrachten wir den Fall auch (lern-)theoretisch.
Natürlich fragte ich sie, wie sie auf das Verhalten des Kindes reagiert habe.
Sie erklärte mir, dass das Kind sehr sensibel sei und sie deshalb dem Kind auf einfühlsame und sehr erklärende Art und Weise beigebracht habe, dass es besser für das Kind wäre die Stifte nicht herum zu werfen. So könne es ein schönes Bild malen. So wie die anderen Kinder auch. Und der Boden wäre nun nicht schmutzig. Und die Stifte müssten nicht alle wieder aufgehoben werden.
Deshalb wollte ich wissen, warum es denn nicht besser sei die Stifte herum zu werfen, und zwar aus Sicht des Kindes?
Mit dieser Frage merkte ich bereits, dass sie ins Straucheln kam. Denn ihr eigener Fokus – und ich behaupte, dass das die meisten Erzieher (als Synonym für allerlei lehrende Personen) so machen – liegt gar nicht im Nachvollziehen des Handelns des Kindes. Und deshalb stelle ich die wilde These auf, dass die Lehrmethoden in aller Regel auch ihr Ziel verfehlen werden. Kurzfristig vielleicht nicht, langfristig richten wir allerdings damit viel Schaden an.

Ja, und bevor jetzt das große Bashing aller ausstudierten Psychologen und Gurus auf meinen Blog los geht… will ich vorab klar stellen: Ich erhebe keinen Anspruch auf Richtigkeit. Ich stelle nur Fragen. Wie immer. Ich frage gerne. Und ich kann ein bisschen was zu meiner Erfahrung sagen. Das wars. Mehr nicht. Dass meine Ansichten in vielen Themen oft entgegen der allgemeinen Meinungen laufen, sehe ich dabei nicht als Selbstzweck, aber eben auch nicht gegenüber dem höheren Ziel als hinderlich. Will heißen: Nur weil viele sagen, dass die Erde eine Scheibe ist, heißt das noch lange nicht, dass das stimmt. Weder mit der Anzahl der Menschen, die so einen Käse behaupten, wird die Erde immer flacher, noch mit der länge der Zeitdauer, in der so ein Käse behauptet wird, wird die Erde immer flacher.
Um letztlich wie ein Frisbee um die Sonne zu kreisen. Oder war das doch die Sonne, die um die Erde kreist?! Keine Ahnung. Manche sind dafür sogar schon auf einen Scheiterhaufen gekommen. Und am Ende gab es dann mal wieder ein für alle gültiges neues „Wissen“. Vorher gab es jedoch auch schon ein (Nicht-)Wissen. Wie auch immer. Am Ende sind wir immer schlauer. Das ist das, was zählt.

Zurück zu dem Beispiel mit dem Kind und den umherfliegenden Stiften.

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Ich verfolge einen anderen Ansatz, aber zunächst nochmal kurz zur Frage, warum es nicht besser sei, die Stifte herum zu werfen, und zwar aus Sicht des Kindes?

Es ist doch eigentlich so einfach. Das Kind hat keine Lust zu malen, warum auch immer. Das weiß nämlich nur der liebe Gott (für die Gläubigen) oder alternativ das Universum (für die ansonsten Spirituellen). Okay gut, der Vollständigkeithalber mag ich noch erwähnen, dass es vielleicht auch niemand weiß. Das gilt dann aber nur für die Atheisten und überhaupt nicht Spirituellen. 🙂

Aber jetzt für den Moment ist das einfach so. Das Kind hat keine Lust. Punkt. Und dem Problem bzw. der Situation muss man als Erzieher begegnen. Wenn ich nun auf das Kind zugehe, um mit ihm stundenlang darüber zu philosophieren, warum es aus meiner (!) Sicht besser sei, dass es lieber malen anstatt Stifte werfen solle, werde ich zwar viel heiße Luft produzieren, nicht unbedingt jedoch das Kind zur „Einsicht“ bringen. Denn das Kind hat seine Einsicht längst. Und die heißt mindestens: „Stifte werfen ist schöner als Stifte zum Malen benutzen.“
Für das Kind ist gerade Hollywood. Und es hat dieses Hollywood gerade selbst erschaffen. Spannend und aufregend.

Die Lehrerin fängt an der Stelle also zwar auf liebe und nette Art und Weise an, dem Kind ihren (!) eigenen Willen verständlich zu machen, letztlich passiert aber nichts anderes als sonst auch schon immer, nämlich dem Kind zu sagen, dass es dies oder das jetzt genau so machen soll. Und zwar so, wie die Lehrerin es sich wünscht. Und nicht anders. Dafür kann man sich nun kurz Zeit nehmen oder länger. Das Ergebnis bleibt im Prinzip das gleiche. Viele Erklärungen. Viel bla bla. Ohne wirklich auf das Kind einzugehen. Was nämlich witzigerweise oft gar nicht nötig ist.

Fakt ist:
Das Kind hat keine Lust zu malen. Jedenfalls jetzt nicht. Und was passiert durch die angebliche Anwendung des Verstärkerprinzips? Das Kind wird in diesem konkreten Fall für sein Fehlverhalten belohnt. Durch Aufmerksamkeit der Lehrerin. Durch ein Gespräch. Durch möglicherweise aufkommende ewig lange Diskussionen. Und vor allem wird das Kind durch eine maßgebliche Sache belohnt: Mit dem ganzen Gelaber musste es noch immer keinen einzigen Strich mit einem Stift zu Papier bringen.

Ich nenne das ein klassisches Eigentor. Oder auch Denkfalle.
Das Kind wird beim nächsten mal wieder seine Stifte durch die Gegend werfen. Und wieder wird es betütelt und abgeschnuckelt. Prima. Dann muss es wieder nicht malen. Jedenfalls für diese kurze Zeit nicht.

Ich verfolge einen anderen Ansatz. Auf das Beispiel mit dem Kind gehe ich dabei gar nicht ein. Stattdessen erzähle ich etwas über eine Trainingseinheit, die ich zu Saisonbeginn mit meinen jugendlichen Fußballspielern (meist im Alter zwischen 15 und 18 Jahren) durchführe.

Morgen gehts weiter. Fortsetzung folgt… 🙂

2 Kommentare zu „Völlig andere Methoden (Teil 1 von 2)

  1. Bin gespannt auf Teil 2. Nein, bin keine Pädagogin und verstand Erziehung auch immer anders. Ob das letztendlich so hilfreich ist für die Kids? Schwer zu sagen, denn bspw. ein gutes Abi schafft nur, wer sich dem Willen der Lehrer beugt, ob bewusst oder unbewusst, spielt keine Rolle. Meine Nr. 1 hat’s bewusst getan und entsprechend gut abgeschlossen. Die Nr.2 ist nicht bereit, dieses Spiel mitzuspielen und wird gerade so durchkommen – obwohl mindestens ebenso intelligent. Zusätzlicher Effekt: das Selbstwertgefühl von Nr.2 hat nicht unwesentlich gelitten und das in den Sparten, in denen Talent vorhanden war.

    Gefällt 1 Person

    1. Da kann ich nur voll und ganz zustimmen. Mein Zweiteiler ist jedoch weniger als Systemkritik zu verstehen, sondern bezieht sich tatsächlich nur auf den kleinen Ausschnitt unserer Lehrmethoden. Wenn ich erst mal mit der Systemkritik beginnen würde, könnte ich für die nächsten 500 Artikel nicht mehr aufhören. 😉

      Es gibt einen sehr interessanten Dokumentarfilm, „Alphabet“. Des österreichischen Regisseurs Erwin Wagenhofer.
      Die These des Films ist:
      „98% aller Kinder kommen hochbegabt zur Welt. Nach der Schule sind es nur noch 2%.“
      Das ist eine sehr pauschale Aussage. Im Kern bin ich jedoch davon überzeugt, dass es sich genau so verhält.

      Das was Du schilderst, deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen in der Schule. Es gibt jedoch ganz gute Mittel und Wege damit zurecht zu kommen. Auch ich musste meine erst finden. Im Laufe der Jahre ist mir das immer besser gelungen und heute mache ich mir weitenteils einen Spaß daraus, dass alles so ist wie es ist. Denn das (Schul-)System ist so plump und einfach, teilweise himmelhoch jauchzend dämlich einfach, wenn man nur verstanden hat hinter die Fassade zu blicken. Da die meisten Menschen sich jedoch damit nicht auseinandersetzen möchten, bleibt es für immer nebulös und undurchschaubar, scheinbar. Dann werden den Kindern und auch uns Erwachsenen oft noch ein paar Nebelkerzen zwischen die Hörner geworfen und schon ist das Problem gemacht.

      Eigentlich wollte ich von meiner ursprünglichen Zielrichtung her nie einen gesellschafts- bzw. systemkritischen Blog betreiben. Vielleicht sollte ich das mal überdenken und mich auch in dem Bereich austoben?! 🙂

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