Philosophischer Sonntag – Momente überholen sich

Endlich Sonntag. Zeit für etwas Philosophisches.

Philosophischer_Sonntag

Gestern fuhr ich nachts mit dem Auto auf der Autobahn zurück vom Familienbesuch nach Hause. Stockdunkel. Alleine, nur alle paar Minuten mal ein Auto. Ich genoss die Fahrt und wollte nicht früher ankommen als nötig. 130 maximal. Auf der mittleren Spur. Die weißen LED Scheinwerfer leuchteten die Fahrbahn aus. Links und rechts breiteten sich die Spuren gefühlt zu einer Flugbahn aus. Und ich empfand die Fahrt als eine in Richtung Horizont. Weite und Breite. Weit und breit alleine.

Die Boxen donnerten einen meiner Lieblingssongs, „Halo“ von Beyonce. Erhaben. Großartig. Gefühlvoll.

Und ich spürte in dem Moment eine Glücklichkeit. Glücklichkeit im Moment zu sein. Nicht glücklich über den Moment an sich und nicht glücklich über das Jetzt an sich. Nicht darüber, dass alles genau so ist wie es ist in meinem Leben. Sondern eine reine Glücklichkeit im Moment zu sein, ihn wahr zu nehmen. Als einen Moment. Natürlich kamen mir auf der Fahrt Gedanken zu früher und zu den letzten Monaten. Einzelne Ereignisse hier und da. Und ich konnte all diese Gedanken jeweils sofort und ohne umschweife wieder beiseite schieben.

Während mir Beyonce mit ihrem Songtext die Zukunft vorweg zu nehmen schien (wer den Songtext kennt…), hob ich ab. Eine Ebene nach oben. Von der Mikro-  zur Makro-Ebene. Raus aus dem einzelnen Gedanken. Rein in die Über-Gedanken. Und ich beobachtete mich selbst. Die Beobachter-Perspektive ist oft viel wichtiger als die eigene. So stellte ich mir selbst die Frage: „Wie lange mag dieses schöne Gefühl gerade anhalten?“

Das Leben im Jetzt fordert eine streng schonungslose Besinnung auf den stets aktuellen Moment. Moment für Moment. Sie lösen einander ab. Alles ist vergänglich, ist so eine zwangsläufige Erkenntnis. Wir alle machen unsere Erfahrungen mit der Vergänglichkeit, früher oder später. Leben im Jetzt heißt auch leben im Moment. Durch die Ablösung eines jeden Moments durch den nächsten, vergrößert sich auch die Erkenntnis über die stete Änderung von allem.

Mir fiel während der Fahrt bildhaft eine Gruppe Rennradfahrer ein. Wenn sie hintereinander im höchsten Tempo dicht an dicht den Weg entlang kurbeln. Bis der Hinterste ausbricht, alle überholt und sich ganz vorne einreiht. Damit die neuen Hinteren im Windschatten fahren können. Der sportliche Askpekt soll an der Stelle keine Rolle spielen. Das Überholen und erneute überholt werden ist Symbol für die Abwechslung der Momente. Zurecht kann man bemerken, dass das Überholen der Momente ein Selbstzweck des Lebens zu sein scheint.
Wir sind nicht gefangen im Eis. Also wechseln sich Momente stets ab. Sie überholen sich. Einer den nächsten.

Und bei allem Leben im Jetzt wird klar, was die Beobachter-Perspektive hervor bringt. Die sichere Erkenntnis, dass sich alles abwechselt. Auch der schönste Song mitten in der Nacht. Auch das schönste Gefühl, das man in dem Moment empfindet.

Im Jetzt zu leben wäre zu kurz gegriffen. Es ist weiter noch die Erkenntnis, dass sich ständig alles ändert. Selbst das tolle Gefühl mit Beyonce, alleine auf der Fahrt. Niemand anders der in dem Moment irgend etwas besser weiß. Niemand anders, der in dem Moment für einen entscheidet. Niemand anders, der Dich gerade beeinflusst.

Und das ist für mich das Besonderste dahinter. Zu wissen, dass – egal was passiert sein mag – dieses Gefühl von gerade, im Jetzt, wieder vergehen wird. Alles ist vergänglich. Wie die schönsten, so auch die schlimmsten Momente des Lebens. Es ist eine neue Stufe des Lebens im Jetzt. Es ist eine Erweiterung. Raus aus der Mikro-Ebene. Rein in die Makro-Ebene.

Alles wechselt sich ständig ab. So wie mit den Rennradfahrern. Das schenkt Trost in schlimmen Momenten. Und nimmt überschwängliche Euphorie in den schönsten Momenten. Die Kunst hinter dieser Erkenntnis liegt darin im vollständigen Bewusstsein im Jetzt zu Leben, ohne den Moment als integralen Bestandteil der eigenen Zukunft wichtig zu nehmen. Keine Vergangenheit. Keine Zukunft. Nur Jetzt. Wir sind nur da um zu lauschen. Und wir haben das sichere Wissen, dass sich stets alles abwechselt. Auch die schönste Fahrt auf der Autobahn im Dunkeln wird abgelöst werden. Durch den nächsten Moment. Vielleicht wenn man Zuhause ankommt. Vielleicht schon früher.

Momente lösen tatsächlich stets einander ab. Mehr noch, sie überholen sich. Lass Dich nicht überholen, sondern lausche. Und sei der Überholer. Oft genug kannst Du es nicht beeinflussen, wann ein Moment zuende geht. Kannst Du es aber, dann überhole, ohne überholt zu werden.
Und wann immer es nicht gelingt, kannt Du wissen, dass ein nächster Moment bereits um die Ecke wartet. Er wird kommen. Und Dich wieder ein Stück weiter mitnehmen auf Deiner Reise. Das Leben ist eine einzige Überholspur von Momenten. Nimm es an wie es ist und wann immer Dir ein Moment gefällt, kannst Du versuchen ihn zu entschleunigen. Und ein Stückchen länger zu genießen… im sicheren Wissen, dass auch der schönste und längste Moment überholt werden wird.

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