Ich fahre mich

Ich sitze gerade mit meinem Laptop auf dem Schoß auf meiner Couch. Für mich ist das die tollste Couch der Welt. So toll, dass ich sie erst meinen Eltern und danach mir selbst gekauft habe.

Da sitze ich nun und sehe nach rechts von mir aus meiner riesigen dreieckigen Fensterfront nach draußen. Bäume ohne Blätter. Sie grünen nicht im Winter. Sie sind einfach nur braun, die Bäume. Die Baumstämme. Es ist windstill. Und dahinter ein hellblauer wolkenloser Himmel. Die Sonne scheint und lässt meine Pflanzen auf meiner Fensterbank in unterschiedlichen Grüntönen strahlen. Durch das Licht wirft eine Drachenpflanze seinen Schatten an eine Wand.
Es ist still im Raum. Der Fernseher läuft, ohne Ton.

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Hätte ich nicht vor über einem Jahr diese Pflanzen gekauft, so würde auch keine Pflanze seinen Schatten werfen. Und die Sonne diese Pflanzen nicht die Klaviatur der Grüntöne spielen lassen können.
Lange Zeit hatte ich kaum Pflanzen in der Wohnung. Heute ist es anders.
Meistens nimmt man die alltäglichen Gegenstände um sich herum nicht so bewusst wahr. Sie sind eben Alltag. Ganz normal. Doch eigentlich ist nichts normal. Normalität ist etwas, das wir Dingen und Situationen zuschreiben. Dinge sind weder besonders noch normal. Sie sind einfach wie sie sind. Und dann wird daraus das, was jeder von uns mit seinen Gedanken daraus macht. Manchmal ist es gut, sich einfach auf die Couch zu setzen und sich in seinen eigenen vier Wänden umzusehen.
Was steht da? Was war vor kurzem noch nicht da? Was davon brauche ich vielleicht nicht mehr?
Und nicht so sehr die Frage zu stellen, was ich noch dazu haben möchte. „Dazu“, zu was? Zu all dem? Noch etwas dazu? Und dann? Ist da noch mehr. Mehr, mehr, mehr. Und dann?

Heute fahre ich mich zu einem Familienbesuch. Warum fahre ich MICH? Warum fahre nicht ich? Nun, momentan habe ich mit körperlichen Auswirkungen aufgrund meiner vorangegangenen und noch andauernden schwierigen Lebenssituation zu arbeiten. Ich sage bewusst nicht „zu kämpfen“. Denn ich kämpfe nicht. Lieber ergebe ich mich, ich bin längst pazifist geworden. Auch mir selbst gegenüber. Still werden, still sein. Hinnehmen, dass etwas ist wie es ist. Und doch merke ich, dass mein Körper und ich nicht mehr an einem Strang ziehen. Meine Physiotherapeutin sagte letztens zu mir: „Sie haben Ihren Körper auf Ihrem Weg im Jetzt in der Vergangenheit vergessen mitzunehmen.“

Und so empfinde ich das. Es ist nicht mehr mein Körper. Sondern ein Körper. Und dann bin da noch ich, als Geistes- und Seelenwesen. Körper, Geist und Seele. Sagt man. Das hat sich bei mir wohl voneinander abgetrennt. Mein Körper sagt mir inzwischen täglich mehr, dass etwas nicht passt. Stress und Unzufriedenheit in der Arbeit. Eine an sich unveränderte Gesamtsituation. Beruflich und Privat. Und dann will man vielleicht mit dem Kopf. Aber der Körper sagt zunehmend „nein danke“.

Aufgabe für mich wird es in den nächsten Wochen und Monaten sein, dass die Drei wieder zueinander finden.
Gestern war ich bei einem Arzt zu einer Untersuchung und er hat etwas festgestellt, was zwar einzeln betrachtet nicht gesundheitsbedenklich ist, was aber auch nicht gut ist. Vermutlich sogar nicht mal heilbar sein wird. Wenn die körperlichen Auswirkungen durch den Alltag Überhand nehmen, dann, ja spätestens dann, ist die Zeit gekommen den Alltag zu verändern.

Das Projekt Beziehung wird sich vermutlich in den nächsten Wochen in eine andere Richtung entwickeln (müssen). Und ich vermute, dass der Fokus gar nicht mehr so sehr auf dem Finden der einen Prinzessin liegen wird. Sondern darin, dass ich wieder zu mir selbst komme. Dass Geist, Seele und Körper wenigstens wieder einander die Hand reichen können. Ich bleibe erst einmal abstrakt in meinen Beschreibungen. Vermutlich wird es im Laufe der Zeit noch konkret genug werden. Auch ich brauche nach der gestern an sich ziemlich niederschmetternden Diagnose Zeit zum Verarbeiten. Und Zeit mir Gedanken zu machen. Um dann aktiv werden zu können. Nicht planlos. Sondern gezielt.

Ich glaube, dass ich vor der größten Wendung in meinem Leben stehe. In meinem Leben. Nicht im Leben in Bezug auf andere. Fassen kann ich das noch nicht, begreifen auch noch nicht. Aber es wird kommen. Ein bisschen freue ich mich auch darauf, weil es eine Herausforderung ist, für sich selbst aktiv zu werden. Jetzt geht es tatsächlich einmal nicht mehr um Andere, nicht mehr andere Menschen und auch kein Job und auch kein Sonstwas mehr. Der Körper holt sich gerade seinen Stellenwert zurück, den er verdient hat. Und da muss mein Kopf erst noch lernen mitzumachen. Und deshalb wird alles andere aus der Gedankenwelt in nächster Zeit zurückstecken müssen, dürfen. Vor allem die Gedanken anderer Menschen. Die Gedanken des Chefs. Die Gedanken der Familie. Die Gedanken von Freunden. Es ist ein Punkt erreicht, an dem es nicht mehr um Gedanken geht. Jetzt geht es tatsächlich um die Frage wie ich auf die scharfen Warnsignale des Körpers reagiere. Und da werde ich alles wegdrücken müssen, was mir von außen aufzuoktroyieren versucht werden wird.

Vermutlich wird das mehr Energie kosten als ein paar tausend Frauen anzusprechen. Aber es geht um mich. Und ich nehme den Weg an. Es bleibt mir gar nichts anderes übrig.

Oben sagte ich, dass ich mich heute zu einem Familienbesuch fahre. Und stellte die Frage warum ich MICH fahren würde. Anstatt nicht einfach zu fahren. Wie all die anderen Menschen.
Weil der Körper im Moment eine andere Sprache spricht als ich. Weil er sich etwas von mir verselbstständigt hat. Nicht mehr im Einklang mit meinem Geist und meiner Seele. Also fahre ich mich, jedenfalls meinen Körper. Erstmal. Das ändert sich hoffentlich bald wieder. Aber ich stelle mich auf einen langen Weg ein.

Und bis dahin freu ich mich heute erstmal auf meine Familie.