Kannst Du das auch auf außerhalb der Arbeitszeiten legen?

Diese Woche fing mein (neuer) Chef mich am Gang ab: „Kannst Du das auch auf außerhalb der Arbeitszeiten legen?“

Was meint er damit?
Ich habe seit mittlerweile über vier Monaten Probleme mit einem Muskel zwischen Schulter und Nacken. Und vor einigen Wochen war ich deswegen in Behandlung nach TCM (Traditionelle chinesische Medizin). Massagen, Akupunktur, Schröpfen.
Geändert hat sich leider körperlich nichts, jedenfalls nicht zum Besseren. Inzwischen ist viel wertvolle Zeit vergangen. Die Muskelprobleme habe ich noch immer. Und mittlerweile bin ich in Behandlung bei einer Physiotherapeutin nach ostheopatischem Ansatz. Ich schrieb darüber ja bereits.

Die Termine habe ich bisher fast immer auf die Zeit während der Arbeit gelegt. Bei Gleitzeit ist das ja an sich kein Problem. Man stempelt aus, wenn man geht. Und man stempelt wieder ein, wenn man kommt. Das versteht wahrscheinlich auch ein Erstklässler.

Und so kam es zu der oben geschilderten Frage meines Chefs. Er fragte (sicher nicht aus aufrichtigem Interesse) nach, was sich denn aus der schon zu Ende gegangenen Behandlung ergeben habe.
Eine relativ unnütze Frage. Offensichtlich hat sich nichts ergeben. Freiwillig begibt sich niemand in eine erneute Behandlung, wenn sie nicht nötig sein würde.

Er stammelte also etwas herum und zwischen den Zeilen war die Botschaft klar:
„Kümmere Dich außerhalb der Arbeitszeiten um Deine Gesundheit.“

Gut, das greife ich natürlich gerne auf. Und so einer Aussage begegne ich natürlich auch gerne. Auf meine Art. Achja…

Na gut, ich erklärte ihm also: „Ich habe das Problem seit nunmehr vier Monaten. Es wird nicht besser, sondern schlimmer. Deshalb habe ich immer alles getan, um eine Genesung mit meiner Arbeit unter einen Hut zu bekommen. Ich verstehe, dass das jetzt viele Termine waren und ich da immer wieder mal für eine gute Stunde gefehlt habe. Die Alternative ist, dass ich das bei all dem Stress einfach mal vollständig auskuriere. Dann muss ich die Termine nicht während der Arbeit nehmen.“

So weit so schlecht. Ich bin nicht auf der Welt um zu arbeiten. Die richtige Frage von ihm wäre aus meiner Sicht gewesen: „Du hast wohl immer noch ein Problem mit Deiner Schulter. Können wir irgend etwas für Dich tun? Ein neuer oder anderer Bürostuhl? Oder ein anderer Tisch? Oder gibt es sonst irgend einen möglichen Grund aufgrund der Arbeitsplatzsituation?“

Ja, dann hätte ich mich gefreut.
Auf meine Mitarbeiter würde ich genau so zugehen. Nicht anders.

Innerlich kann man sich davon nur frei machen, sich darüber zu ärgern. Über solche Menschen. Sie sind unsensibel. Unsensibel krank. Das ist mein Befund. Ein Befund eines Laien. Dafür ein Befund eines empathischen Menschen. Das macht es nicht medizinisch richtiger. Aber menschlicher.

Letztens hab ich von einem tollen Menschen mit unglaublich viel Rückgrat einen wundervollen Satz gehört:
„Abstimmen soll man mit den Füßen, nicht mit Worten!“

Und so werde ich mir die Zeit nehmen, erneut den Orthopäden aufsuchen und mir die Zeit einräumen lassen, um wiederum meinem Körper die nötige Zeit zu gönnen wieder gesund zu werden.

Dann muss ich das auch nicht während der Arbeitszeit machen. Dann ist er doch bestimmt glücklich, der Chef. Ich allemal.
Wie schlimm. Denn am Ende könnte der Mitarbeiter ja noch gesund werden. Und das will man als moderner Chef ja nicht. Demotivation ist das moderne Gebot der Stunde! Koste es was es wolle. Hauptsache der Mitarbeiter verliert seinen Antrieb.
Vielleicht sollte ich ihn für den nächsten Nobelpreis vorschlagen. Vielleicht nicht gerade für den Friedensnobelpreis. Immerhin ist er ja kein Kriegsverbrecher wie Obama. Aber ein Nobelpreis für den innovativsten Umgang mit Humankapital. Man könnte auch Menschenmaterial dazu sagen. Human Ressources, heißt das dann auf Neudeutsch. Abscheulich.

2017-01-19

Man sieht sich immer zwei mal im Leben.

Das ist doch das Tolle für einen normalen Mitarbeiter (Untergebenen trifft es exakter), man kann vieles aussitzen. Und irgendwann kommt der richtige Zeitpunkt zum Auskurieren. Wenn der Muskel noch stärker schmerzt. Möglicherweise trifft das genau mit dem Zeitpunkt zusammen, zu dem der Chef von seinem Humankapital etwas benötigt. Eine dringende Erledigung eines Auftrags oder dergleichen. Möglicherweise. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

Wenn mir inzwischen irgendetwas so unwichtig geworden ist wie ein Kropf, dann der Job. Bei dem Weg, den ich in meinem Leben eingeschlagen habe, kommt es mir auf vieles an. Aber sicher nicht mehr auf meinen Arbeitsplatz. Ich bin längst an einem Punkt, an dem sich durch die psychische Situation der letzten Jahre leider ungute körperliche Auswirkungen ergeben haben. Und da bringt mir auch die beste Arbeit nichts, wenn mein Körper mich tatsächlich verlässt. Ein bisschen ist das der Fall. Inzwischen habe ich auch Hautprobleme.

Und dafür habe ich den nächsten Arzttermin, morgen. Nach der Arbeit versteht sich…