Ein freundliches Nein

Gestern Abend hatte ich mein zweites Date mit einer Frau. Ja, sie ist schüchtern. Ja, sie braucht wohl Zeit, bis sie etwas auftaut. Ja, sie ist wirklich nett. Aber ja, sie ist auch irgendwie langweilig. Und langweilig und Zeit brauchen sind in Kombination zwei Komponenten, die eine exklusiv-langamtige Mischung garantieren. Jemandem Zeit geben, den man wirklich will… ja gut. Jemandem Zeit geben, den man noch nicht sicher will… besser nein.
Egal. Wie auch immer. Es war dennoch ein ganz unterhaltsamer Abend, aber eher wie unter Freunden. Flirtstimmung kam nicht auf, ging einfach nicht. Egal was ich versuchte, es ging nicht. Schreiben tut sie mir trotzdem, auch heute. Wie beim ersten Treffen auch schon. Man merkt ihr Interesse, aber es ist so zäh. Und so wenig prickelnd. Langweilig eben. Wäre sie ein Kumpel von mir, dann würde ich mich mit ihr freiwillig nicht öfter treffen als absolut nötig. Nämlich gar nicht.
Nicht weil es ein unfreundlicher Kumpel wäre. Sondern weil es ein langweiliger Kumpel wäre. Er würde mir nichts geben. Und ich ihm vermutlich auch nicht. Irgendwo sollte ja ein Mehrwert entstehen, wenn zwei Menschen Zeit miteinander verbringen. Das ist doch der Sinn einer glücklichen Beziehung. Übrigens immer, egal ob zwischen Freunden, in der Familie oder eben in einer Beziehung.
Das Gesamte sollte größer sein als seine einzelnen Zutaten.

Selbst beim Kochen ist das so: Es gibt Kartoffeln, es gibt Gurken, es gibt Zwiebeln, es gibt Essig, es gibt Brühe, es gibt Pfeffer, es gibt Petersilie und Öl. Erst wenn ich die Zutaten alle vernünftig Mische, entsteht ein Kartoffelsalat. Und der schmeckt doch besser als abwechselnd einmal von einer Kartoffel, einer Gurke, einer Zwiebel und der Petersilie abzubeißen. Und einen Schluck Essig dazu zu gurgeln. Und mit Öl zu spülen.
Richtig? 😉
Ich glaube ich konnte meine Intention bildlich genug darstellen.

Es ist aber auch einfach mega unsexy, wenn es ums Bezahlen geht und sie ganz exklusiv sofort auf getrennte Rechnungen besteht. Na gut, beim ersten Treffen ja. Aber beim zweiten Treffen kann man das auch etwas „persönlicher“ machen. So zum Beispiel „Hey, das Essen zahle ich und wenn wir später noch einen Cocktail trinken gehen, dann zahlst Du. Abgemacht?“
Es kommt einfach keine Flirtstimmung auf, wenn dann korrekt mit Geldscheinen abgerechnet wird. Das langweilt mich. Wie gesagt, es ist das zweite Date.

Zuerst waren wir gemütlich etwas essen und später ging es in eine Bar. Meine Lieblingsbar. Wo ich inzwischen die meisten Menschen ganz gut kenne, jedenfalls das Personal. Witzig eigentlich, es war das erste Mal, dass ich mit einem Date in diese Bar gegangen bin. Sonst gehe ich da immer hin, um zu gamen. War auch mal ein witziges Gefühl gestern, sollte ich wiederholen in der Bar. Ein Date im Wohnzimmer, sozusagen. 😉

Dort traf ich einen Freund von mir und wir zogen nach meinem Date noch weiter. Hab sie noch zur Bahn begleitet, Gentleman-Like. Klar.
Es ist ein gutes Gefühl, dass man nicht so abhängig ist. Otto-Normal-Mann würde nach so einem Date nach Hause fahren, sich Mega-Gedanken um den Abend machen und hoffen und beten, dass sie sich doch bitte bitte melden möge.
Ich nicht. Ich bin weder Otto-Normal-Mann noch hoffe und bete ich. Stattdessen gehe ich einfach weiter und schaue was der Abend bzw. die Nacht noch bringt. Wobei ich gestern nicht groß vor hatte noch anzugreifen, eher tatsächlich nur zu entspannen. Ich war irgendwie innerlich zufrieden mit meinem Date. Oder vielleicht war es auch nur ein Gefühl von „ich brauch jetzt erst mal Ruhe“. Und so hab ich kaum den Drang verspürt irgend eine Frau in dem Club anzuschauen. Und erst recht nicht anzuquatschen. Ich wollte Musik hören und etwas runter kommen. So ein Date ist auch anstrengend. Besonders wenn man etwas müde ist.

Da ich mich ja um mich selbst mehr kümmern sollte in nächster Zeit, hab ich gestern Abend gleich mal damit begonnen. Und bin nicht gleich wieder los gesprintet, um zu schauen was möglich ist. Stattdessen hab ich mich erst mal fast eine Stunde lang hingesetzt und einfach die Szenerie auf mich wirken lassen. Das ist auch mal gut.

Später bin ich in den Clubbereich und bin einmal quer über die Tanzfläche gelaufen, um mich an die Bar zu stellen. Und nach nicht einmal zwei Minuten kommt eine Frau auf mich zu. Stellt sich einen halben Meter vor mir und frägt mich: „Möchte tanzen?“

What??? „Möchte tanzen?“, denke ich mir.

Ich war mir nicht sicher, ob ich es richtig verstanden habe und fragte nochmal nach: „Was sagst Du?“

Sie: „Möchte mit mir tanzen?“

Okay, jetzt hab ichs verstanden. Ich hab sie angelächelt, freundlich nein gesagt und ihr, als sie meine Botschaft verstand, mit einem Daumen hoch zu verstehen gegeben, dass es nett war und alles okay ist. Ein Like. Fast wie bei diesem Facebook-Ding.
Sie drehte sich um und ging wieder ein paar Meter weg.

So, und nun zu der Frau:
Sie war garantiert 15 Jahre älter als ich. Sie hatte ein paar Kilo zuviel auf den Rippen und hübsch war sie auch nicht.

Ich war etwas irritiert. Insgesamt. Bei dem ganzen Auftritt. Danach hab ich mir nämlich überlegt ob ich vielleicht voreilig gehandelt habe. Ich hätte sie heiraten können. Vielleicht hat sie Kohle? Ihrer Sprache nach zu urteilen („Möchte tanzen mit mir?“) könnte sie möglicherweise eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis für die Bundesrepublik Deutschland brauchen.
Da ich ja sowieso Single bin… hmm… und falls sie wirklich reich ist… was in diesem Edel-Club sogar durchaus manchmal vorkommt… wäre es ein ernst zu nehmender Versuch wert gewesen.
Ich hätte ausgesorgt. Wäre für den Rest meines Lebens unter Palmen gelegen. Mit zwei tollen Frauen (vorzugsweise Südamerikanerinnen) links und rechts, die mit Palmwedeln für die nötige kühle frische Brise sorgen. Während ich am Strohhalm meines Pina Colada auf meiner Liege sauge. Oder in der Hängematte. Jeden Tag Sonne. Jeden Tag rythmische Klänge von feuriger Latino-Musik an einer Strandbar. Mhhhh…

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AUFWACHEN!
Tickst Du noch ganz sauber, Junge?! Pfui!

  1. Brauch ich keine Kohle, ich hab genug. Jedenfalls genug, um mir regelmäßig auch noch am Monatsdreißigsten eine Käsesemmel leisten zu können.
  2. Was wäre, wenn die Frau nicht wegen den Papieren heiraten wollen würde, sondern weil sie mich attraktiv findet? Doppelpfui.

So, Ironiemodus aus.

Werden wir wieder sachlich:
Ich nehme aus der Sache für mich etwas Tolles mit. Ohne zu denken, habe ich die Frau angelächelt und danke gesagt. „Nein, danke“. Und ihr danach noch mit einer kleinen Geste zu verstehen gegeben, dass ich ihre Aktion wertschätze.
Und das war nicht gespielt von mir. Sondern das war in dem Moment ich. Spontan. Einfach so.

Was ich mir danach wirklich dachte, war:
Ich kann also definitiv selbst anders auf einen Approach (nichts anderes war es ja!) reagieren als viele Frauen da draußen.
Die meisten Frauen lächeln, wenn ich sie anspreche. Aber es gibt auch viele Frauen, die einen mehr oder weniger ignorieren. Und überhaupt nicht in der Lage sind so etwas wie Wertschätzung zu empfinden.

Die Frau in dem Club hatte Mut. Und dafür Respekt an Dich!