Der Blindenhund

Am Montag bin ich – sind wir (mein Besuch und ich) – beim Spazierengehen einer Frau begegnet, einer Frau mit einem Blindenhund. Es war ein Spaziergang durch einen Wald. Es hat mich einfach interessiert was da vor sich geht. Also hab ich die Frau angesprochen. Das kann ich ja inzwischen. Eröffnen. 😉

Hey, es war eine Dame. Deutlich älter als ich. Also lassen wir mal dieses Pickup Ding bei Seite. Es ging mir einfach nur um das Menschliche. Reines Interesse an ihrem Leben im Umgang und in der Umgebung ihres Blindenhundes.

Die Dame war sehr freundlich und aufgeschlossen. Sie erzählte, gar nicht genervt, was man sonst erwarten könnte. Denn eine Person mit Blindenhund wird sicher öfter angesprochen, von interessierten Menschen. Das sagte sie auch. Und dennoch nahm sie sich für uns und unsere Fragen bestimmt 30 Minuten Zeit. Wir gingen ganz entspannt den Weg entlang und sie erzählte, dass sie auf einem Auge nichts sieht und auf dem anderen Auge noch 1,6%. Seit der Geburt. Ich war ergriffen.

Seit meinem Weg hin zu mehr Achtsamkeit und mehr Bewusstsein fühle ich mehr mit Menschen. Ich sehe mehr aus ihrer Sicht und empfinde mehr Mitgefühl bzw. empfinde generell einfach mehr. Früher hätte ich gesagt: „Schade, ist halt so.“ Heute bekomme ich in solchen Situationen Gänsehaut. Es ist einfach Raum da zur Entfaltung von Gefühlen. Anstatt der Hetze von Situation zu Situation.

Diese Blindenhunde seien sehr selten. Die meisten Blinden wären nicht in der Lage sich auf ihren Hund einzulassen. Sie vertraue ihrem Hund vollkommen. Was mich so fasziniert hat war, als sie erzählte, dass sie der Hund kein einziges Mal in eine gefährliche Situation gebracht habe. Der Hund wisse, dass sie blind sei. Ich könnte gar nicht mehr alles niederschreiben, was sie mir erzählte. Ich kam nur aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Die „normalen“ Dinge, die wir „Sehenden“ als normal empfinden, kann der Hund natürlich. Er sucht für sie die nächste Ampel oder den nächsten Zebrastreifen. An sich schon beeindruckend. Er führt sie von Bordsteinkante zu Bordsteinkante. Damit sie nicht stolpert beim Hoch- und Runtergehen. Sie sagt dem Hund dann wenn sie links oder rechts lang möchte. Und manchmal kommt es vor, dass es mal links einfach irgendwie nicht geht. Zum Beispiel weil dort eine Absperrung ist. Oder Glasscherben am Boden liegen. Dann kommt der Hund an ihr Bein und bleibt stehen und stupst sie mit der Schnauze ein paar mal an. Damit weiß sie, dass es links gerade einfach nicht gut ist. Sie hat das so schön beschrieben, „nicht gut“ im Sinne von „schau mal Frauchen, da ist Gefahr, ich kann Dich da nicht lang führen, ohne dass es für Dich zu gefährlich wäre.“ Das hat dann alleine der Hund entschieden. Und sie erzählte uns, dass sie die Entscheidungen ihrer Hündin niemals in Frage gestellt hat und es auch nie würde. Sie leben in Symbiose miteinander. Seit vielen Jahren. Und das ist der Punkt, an dem die meisten anderen Blinden aussteigen. Sie können keinem anderen Lebewesen derart vertrauen.
Die Beziehung zwischen der Dame und dem Vierbeiner ist wohl unglaublich innig, denn sie sagte auch, dass sie nach diesem Hund keinen weiteren Blindenhund mehr haben möchte. Zu sehr sei sie mit diesem Tier verbunden und möchte ihn niemals ersetzt wissen. Sie verglich die Situation mit einer Partnerschaft. Wenn der Partner gehe, dann kann man den auch nicht einfach ersetzen.

Wie Recht Du hast. Unglaublich Recht. Ich verstehe Dich.

2016-10-20

Ich wollte wissen, ob so ein Hund denn eine große Erleichterung darstellen würde, gegenüber einem Blindenstock. Und das scheint es sehr zu sein.
Da fällt mir zum Beispiel ein Highlight ein. Der Hund findet ihr auch in einem Kaufhaus oder bei der Bahn einen Aufzug. Sie sagt dann, dass sie zum Lift möchte. Und das kleine Helferlein fängt das Suchen an. Wie der das denn macht, wollte ich noch wissen. Ob das so ein irrwitziger Zick-Zack-Gang durch die Regale im Kaufhaus wird, bis er den Lift findet. Nein. So sei es nicht. Der Hund weiß, dass ein Lift immer außen im Raum ist. Also geht er mit ihr erstmal nach außen. Und dann einfach an der Wand entlang, bis er den Lift findet. Ich war an der Stelle schon beeindruckt, weil sie auch erzählte, dass dem Hund die Beschaffenheit des Aufzugs egal sei. Ob aus Glas oder Metall. Ob mit durchsichtiger Türe oder nicht. Ob in Rot, Grün oder Blau. Es spielt keine Rolle. Er findet den Lift. Wahnsinn. Aus meiner Sicht ein Phänomen. Und als ob das nicht genug wäre, dann kam für mich noch der Gipfel des Eisbergs. Der Hund bringt sie in den Lift. Und wenn sie drinnen sind, dann führt er sie gleich links oder rechts oder gerade aus. Je nachdem wo die Schalter für die Etagen sich befinden. Damit sie nicht suchen müsse. Der Hund erkennt die Schalter für die Dame! Ist das nicht ein Naturwunder? Ich war so perplex, besonders auch mit welcher Selbstverständlichkeit sie das erzählt hat.

Es war für mich ein Eintauchen in eine andere Welt. Und ich merke, dass mir solche Begegnungen gut tun zur Zeit. Unfassbar gut. Sie nehmen Tempo raus. Entschleunigen. Und bringen Dich näher zu Dir selbst als so vieles andere. Es ist Friede da in diesen Situationen. Friede ist vielleicht das, was mir über viele Monate sehr gefehlt hat. Wenn man es ertragen „muss“ permanent einer Drucksituation ausgesetzt zu werden oder zu sein. Dann ist so etwas einfach wundervoll, ein normales Gespräch mit einem freundlich gesinnten Menschen. Dazu an der Hand einer wirklich lieben Frau.

Und ich bin froh um solche Begegnungen. Und ich bin froh, auch dank Pickup, jederzeit solch wundervollen Menschen begegnen zu können.

Morgen schreibe ich etwas über Gin. Nicht dass ich mich damit auskennen würde. Ich schreib einfach was ich entdeckt habe. 🙂

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