Philosophischer Sonntag – „Erstmal ich“ gegenüber „Egoismus“

Es ist wieder Sonntag. Und es wird wieder philosophisch. Moment, ich kleb mir kurz meinen weißen langen Bart an. Los gehts.

Philosophischer_Sonntag

Es war einmal vor langer langer Zeit…

Nein, es geht um das Ich. Viel mehr geht es sogar noch um das „erstmal“ Ich. Was bedeutet das.

Aus der Bahn! Erstmal ich!
Nein, sicher nicht so. Anders.

„Erstmal ich“ regiert die Welt. Zutiefst egoistisch, auf negative Art und Weise.
Es gibt aber auch „erstmal ich“, auf zutiefst liebevolle und zugleich egoistische Art und Weise.

Wenn wir im Flugzeug sitzen und uns erklärt wird, was wir im Notfall machen sollen, dann kommt der Teil, bei dem erklärt wird, was wir machen sollen, wenn von oben die Sauerstoffmasken herabfallen:
„Setzen Sie sich die Maske über Ihnen auf. Zuerst Ihnen. Danach Ihrem Kind.“

Ist das egoistisch? Ja natürlich ist es das. Klar. Was sonst.

Wikipedia sagt dazu: „[…] Egoismen (Plural) sind demnach Handlungsweisen, bei denen einzig der Handelnde selbst die Handlungsmaxime bestimmt. Dabei haben diese Handlungen zumeist uneingeschränkt den eigenen Vorteil des Handelnden zum Zweck. Wenn dieser Vorteil in einer symbiotischen Lebenshaltung zugleich auch der Vorteil anderer ist, dann sind diese Handlungen ethisch voll legitimiert. […]“

Ich rette mich, DAMIT ich AUCH mein Kind retten kann. DAMIT und AUCH sind für mich dabei die zwei Schlüsselwörter.
Und damit ist das dann „ethisch voll legitimiert“, sagt Wikiwer? Pedia. Wikipedia.
Ausnahmsweise hat Wikipedia damit meine Zustimmung (anders als bei den meisten politischen und wirtschaftspolischen Themen. Anderes Thema.).

Allzu häufig geben Menschen vor nicht egoistisch zu sein. Wenn man sie frägt, ob sie sich selbst als egoistisch sehen würden. Dann kommt zumeist ein erboßtes „ich? Sicher nicht!“. Als hätte man mit dem Finger auf sie gezeigt. Sie fühlen sich beleidigt. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass genau dieses „ich fühle mich beleidigt“ gerade dafür spricht, dass diejenige Person generell zu einem egoistischen Denken im negativen Sinne tendiert. Vollkommen Ich-bezogen. Vollkommen verhaftet auf der Suche nach Anerkennung und Schulterklopfern. Sie geben vor – und meinen es vielleicht sogar gut – nur auf andere zu schauen. Anstatt auf sich selbst. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass dieses „ich schaue auf die Anderen“ oft nichts anderes darstellt als ein verstecktes „hoffentlich werde ich dann geliebt“. Es gibt sicher verschiedene und viele Formen von negativem Egoismus. Schauen wir uns unsere Machthaber und Herrscher an, dann ist das nochmal eine ganz andere Qualität in der Frage von Egoismus. Dabei geht es tatsächlich nicht um die Suche nach Anerkenung oder Bestätigung. Sondern um den Ausbau des Paktes mit dem Teufel.

Ich möchte hier nicht so sehr auf die negativen Formen eingehen. Sondern auf das Gute. Das Gesunde und das Lebendige.

Rettest Du Dich – zuerst -, dann kannst Du auch Dein Kind retten. Machst Du es anders, sorgst Du dafür, dass die Wahrscheinlichkeit steigt, dass am Ende beide nicht überleben.

Ich begegne in der Stadt oft Spendensammlern. Es wird gesammelt für allerlei Organisationen. Mal für Menschenrechte. Mal für Tierrechte. Mal für Flüchtlinge (was ist überhaupt ein Flüchtling? Anderes Thema.). Mal für Menschen in Not. Mal für Hungernde. Mental bin ich in all diesen Themen voll dabei. Und wenn man dann beim Schlendern in ein Gespräch verwickelt wird und die Mitarbeiter dieser Organisationen dann ihr Produkt verkaufen, antworte ich immer sehr ähnlich:

„Euren Einsatz bewundere ich. Mein Weg beginnt im Kleinen. Ich schaue, dass es mir gut geht. Und wenn das der Fall ist, dann schaue ich, dass es meiner Umgebung gut geht. Mir sind meine Familie, meine Freunde, meine Nachbarn und wenn ich sie habe – an erster Stelle – meine Frau wichtig. Wenn sich jeder Mensch auf der Welt um sich kümmern würde, um seine Familie, seine Freunde und seine Nachbarn, dann gäbe es keinen Hunger und vor allem keinen Krieg.“

Ich will meine Seele also nicht einfach rein waschen. Ohne zu wissen, ob meine positive Absicht das Ziel überhaupt erreicht. Jeder hat einen Nachbarn. Und die Welt ist eins. Sondern ich will dort beginnen Gutes zu tun, wo ich Gutes direkt tun kann. Unmittelbar. Ohne Umweg. Nicht für Menschen viele tausend Kilometer entfernt.

Und das kann ich nur, wenn ich zuerst auf mich schaue. Geht es mir gut, dann kann ich Gutes tun. Dann kann ich den Menschen in meiner Umgebung helfen.
Ich plädiere für mehr gesunden Egoismus, unmittelbar und direkt. Mit dem Herzen.