Wenn die Frau ein Date absagt

Diese Woche sollte es zu einem Folgedate kommen. So war es geplant. So war es abgesprochen. Für abends, wir würden dann spontan mal sehen wie das Wetter ist und etwas unternehmen oder spazieren oder was auch immer. Zur Zeit schüttet der liebe Gott manchmal eine Gießkanne über die Stadt aus und manchmal macht er auch das Rollo hoch und lässt die Sonne scheinen. Jedenfalls wollten wir spontan sein, ganz frei nach meinem Artikel Auf dem Weg zur richtigen Location.

An Gott glaube ich übrigens nicht. Eigentlich noch nie so richtig und viel wichtiger: Selbst wenn, dann nicht mehr. Auch ein Teil der eigenen Entwicklung. Ich glaube nicht an Gott, aber ich glaube daran, dass wir alle einen Chef haben. Die Frage ist nur wer das ist. Manche haben viele Chefs. Ich will mein eigener sein. Ganz für mich. Und das ist die größte Herausforderung des Lebens, denke ich. Nicht einen Partner oder eine Partnerin zu finden, sondern zu lernen Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. So sehr das auch schmerzen mag. An der einen oder anderen Stelle sicher. „Hätte ich damals nur…“, oder „warum hab ich das getan, es wäre doch anders besser gewesen“. Sätze, die ich mir mantraartig über Monate selbst vorgeworfen habe. Und manchmal noch heute tue. Seltener. Zum Glück. Ich bin dabei zu akzeptieren, dass das was täglich passiert zwar nicht immer selbst verursacht ist, aber ich dennoch die Verantwortung für die Auswirkungen tragen muss. Das geht viel tiefer und weiter als die Aufgabe Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen zu lernen. Viel weiter. Wir müssen alle ständig noch dazu Verantwortung dafür tragen, was wir selbst gar nicht verursacht haben. Das ist hart. Verantwortung tragen für mein eigenes Handeln? Das sehe ich ein.
Verantwortung tragen für fremdes Handeln? Das sehe ich nicht ein. Musst Du aber. Wir sind alle nicht alleine auf dieser Welt. Wir können es uns nicht anmaßen uns immer nur die Rosinen raus zu picken (was ich nie tun würde, ich mag keine Rosinen!). Irgendwann einmal muss man sich entscheiden was wir mit unserem Geist machen. Verschlossen lassen, weiter verschließen oder öffnen. Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen klingt gut. Weise. Reif. Es macht nicht mal einen Bruchteil des eigenen Lebens im Alltag aus, in Wahrheit nicht. Ich kann mir überlegen ob ich mir jetzt einen Kaffee mache oder später. Oder ich ihn mit Zucker trinke oder ohne. Und über was im Leben habe ich sonst noch „die Kontrolle“?

Das ist völlig individuell. Aber eines ist klar: Den überwiegenden Teil des Tages bin ich umgeben von Menschen und Situationen, deren Handlungen und Auswirkungen ich in verantwortlicher Weise begegnen muss. Wozu ich Verantwortung (er)tragen muss. Ich kann mich hinstellen und sagen: „Das hab ich nicht getan, ich bin daran nicht Schuld. Das mag ich nicht.“ Ja. Nur um Schuld geht es hier nicht. Wenn Dir ein Fremder einen Reifen an Deinem Auto zersticht, dann bist nicht Du schuld. Und nicht Du hast die Ursache dafür gesetzt, jedenfalls nicht unmittelbar (spirituell könnten wir dazu ein eigenes ganzes Buch darüber schreiben, aber das kürzen wir im Moment ab. Außer ein Verlag bittet mich darum. 🙂 ). Dennoch musst Du nun mit dem kaputten Reifen umgehen. Wie auch immer Du das tust. Du wirst damit umgehen. Und wenn Du die Situation annimmst, dann fängst Du an Verantwortung dafür zu tragen. Du lässt den Reifen wechseln oder wechselst ihn selbst. Zum Beispiel. Und was dabei geschieht ist Folgendes. Du übernimmst Verantwortung für fremdes Handeln. Dazu brauche ich keinen Gott. Das ist mir zu simpel. Her zu gehen und zu klagen: „Der liebe Gott hat es schlecht mit mir gemeint, darum fügt er mir dieses Leid zu“ oder umgekehrt „der liebe Gott belohnt mich gerade und so hab ich dieses tolle Ereignis in meinem Leben erfahren dürfen“. Ich bin kein Hund. Mich belohnt man nicht. Ich will und brauche keinen Chef und kein Herrchen. Übernimm Verantwortung für Dein Leben. Kein Mensch kommt und hilft Dir, wenn das nicht initial von Dir selbst ausgeht. Du kannst Dir Hilfe holen, klar. Aber dann hast DU sie DIR geholt. Ein himmelweiter Unterschied zur Passivität. Und was hat das mit dem Date zu tun?

Sie ist mein Autoreifen. Mein zerstochener Autoreifen. An dem Tag schon. An dem Tag, an dem sie das Date abgesagt hat. Ganz klassisch per Whatsapp. Hat man in der Generation meiner Eltern auch schon so gemacht. Kurze Whatsapp, ein trauriges Smiley dazu. Fertig war die Soße.

Ich sitze mittags zum Essen beim Italiener und lese ihre Nachricht. Farfalle Quattro Formaggi. Kann heute nicht, mir gehts nicht so gut. Bla bla. Bin heute von der Arbeit sogar heim gebracht worden. Bla bla. Tut mir leid. Bla bla.

2016-08-20_02

Ja gut. Klar. In dem Moment hab ich mir innerlich nur eines gedacht:
Es war mir völlig egal. Nicht negativ egal und auch nicht positiv egal. Es war mir einfach egal. Völlige Akzeptanz dessen was da gerade passiert. Ich sah das so unendlich gelassen, was daran liegt, dass ich inzwischen weiß, dass das Leben großenteils nur von Zufällen abhängt und nichts mit mir zu tun hat. Warum sollte ich also böse sein auf etwas, was ich gar nicht beeinflussen kann. Ich habe meine Akzente gesetzt und alles Weitere liegt dann in der Hand des Zufalls. So auch das. Das war die linke Seite. Jetzt schaue ich mir die rechte Seite zusätzlich an. Von der rechten Seite flog mir just zu dem Zeitpunkt, als ich die Nachricht gesehen habe, nämlich nur der Gedanke zu: „Ja, passt. Perfekt. Dann kann ich heute noch Streeten gehen.“

Ich nehme den zerstochenen Autoreifen an. Ich ärgere mich nicht. Erst recht kein Groll gegen sie als Mensch oder gegen sonst wen. Sondern ich löse die Situation für mich zum Bestmöglichen auf. Wichtig ist es für mich, dann Verantwortung zu übernehmen für die Situation.

Die geistige Freiheit, die ich mir selbst entwickelt habe und weiterhin entwickle, ist momentan mein unschätzbarer Anker im Leben. Will sie das Date nicht, ist das nicht schlimm. Es wäre nicht mal gut, selbst wenn sie es will. Es ist einfach egal. In dem frühen Stadium sowieso. Aber eines ist mir nicht egal:

Das sichere Wissen und fühlen, dass ich mir jederzeit neue Dates generieren kann. Jederzeit neue Menschen kennen lernen kann. Und das habe ich dann auch gemacht. Ab in die Stadt. Daygame. Was hat das mit dem zerstochenen Autoreifen zu tun, fragst Du Dich. Nun, es ist wie beim Reifen am Auto. Ich wechsel ihn einfach.

Übrigens: Da ging gar nichts. Da bin ich mit einem 5 zu 0 nach Hause gefahren. Schlimm? Nee. Ich hüpfe dann gedanklich einfach hier im Text einen Absatz höher und mache weiter.

PS: „Mensch, sieh das nicht so streng!“ Vielleicht ist sie wirklich krank und kann nicht? Ja klar, kann sein. Möglich ist alles. Und für den Fall hab ich ihr natürlich ganz lieb geantwortet und ihr eine gute Besserung gewünscht. So funktioniert das Spiel. Du spielst mit, egal ob es regnet oder die Sonne scheint. Was der Grund ist für die Absage werden wir nie erfahren. Das Einzige was zählt ist, dass es abgesagt wurde. Alles Andere sind reine Gedanken, Gedanken zu den Ursachen und Gründen spielen keine Rolle. Es bringt Dich nur zum Nachdenken und zum Grübeln. Worüber und wozu? Über etwas, das Du sowieso nicht ändern kannst. Anstatt zu grübeln kannst Du etwas wesentlich sinnvolleres tun:

Ansprechen, ansprechen, ansprechen! 🙂